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Die kleine und dann doch große Haute Route
Von Saas Fee nach Chamonix

Die Haute Route – eine gewaltige Skitour und ein unvergessliches Erlebnis. Der „Hohe Weg“ ist für die Skitourengänger die Königin aller Skitouren.

Das „Unternehmen Haute Route“ war wohl das ehrgeizigste Projekt der Skitourengruppe in diesem Jahr. Unser Führer André Hauschke, Jörg Friedel, Christian Waniek und ich wollten in Saas Fee losgehen und so weit kommen, wie es Wetter, Lawinenlage und Kondition zuließen. Dafür hatten wir uns 7 Tage zzgl. An- und Abreise Zeit genommen. Schon bei der Vorbesprechung wurde klar, dass das Ziel eindeutig die komplette klassische Haute Route in der wenig begangenen Ost-West-Richtung sein wird und dass mit durchschnittlich 2.000 Hm Aufstieg pro Tag und einer Nacht in einer Selbstversorgerhütte und einer weiteren in einer Biwakschachtel doch einiges auf uns zukommen würde. Ach ja, die zwei Viertausender Strahlhorn (4.195 m) und Grand Combin (4.314 m) sollten auch noch „mitgenommen“ werden. Blieb nur zu hoffen, dass die Bedingungen und das Wetter die Verwirklichung unserer Planungen ermöglichten. Wir waren erleichtert, als am 22. eine Schönwetterperiode vorhergesagt wurde und sich die Lawinensituation wieder entspannt hatte.

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Wir fuhren am 24.4. um 3:00 Uhr bei André los zum Hotel Bergfreund nach Herbriggen im Mattertal. Wir lagerten alles für die nächsten Tage nicht benötigte Material ein und ließen uns nach kurzer Brotzeit von Rudi per Bus nach Saas Fee bringen, um mit Liftunterstützung bis zum Felskinn den kurzen Weg zur Britanniahütte (3.030 m) anzutreten. Dort wurden noch einmal das Gehen am Seil und die Spaltenbergungsverfahren eingeübt. Durch Andrés Verhandlungsgeschick konnten wir unsere Akklimatisationsnacht und, wie sich später herausstellen sollte, einzige Nacht auf einer bewirtschafteten Hütte, im Bergführerzimmer relativ komfortabel verbringen. Die Hütte war ausgebucht. Nach einem wunderschönen Bergabend und genauso schönem Morgen ging es um 5:40 Uhr, auf den ersten Metern noch mit Stirnlampe, zum recht ebenen Aufstieg zum Adlerpass (3.789 m). Diesen hatten wir gegen 9:15 Uhr erreicht. Von Einsamkeit war noch keine Spur. Die Karawanen, teilweise aus über zwanzig Skitouristen bestehend, rollten langsam den Gletscher hinauf. Der Blick zum Strahlhorn sah allerdings nicht so einladend aus, da der Wind aus Südost mächtig über die Grate pfiff und riesige Schneefahnen aufwirbelte. Die wunderschöne Aussicht am Adlerpass konnte nicht genossen werden. Wir legten wetterfeste Kleidung im ausgewachsenen Sturm an und gingen weiter Richtung Strahlhorn, mehr oder weniger mühselig. Am Gipfel hatte der Wind nachgelassen, so dass eine wohlverdiente Pause am Skidepot wenige Meter unterhalb des Gipfels mit überwältigender Aussicht, besonders auf die Monte Rosa Gruppe mit seiner ca. 2.500 m hohen Ostwand, gemacht werden konnte.

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Die lange Abfahrt führte uns zurück zum Adlerpass und über den im oberen Teil steilen Adlergletscher, der zuerst noch Bruchharsch aufwies. Der Spuk war aber schnell vorbei und es ging auf gutem Firn weiter zum Findelngletscher, an dessen Ende wir uns bei einer ausgiebigen Pause an einem kleinen Stausee von der Sonne verwöhnen ließen. Sulzschneehänge führten uns nach Gant im Zermatter Skigebiet. Im Fußmarsch erreichten wir über Sunegga zum Schluss mit der U-Bahn Zermatt, wo Rudi schon auf uns wartete.

Die Feinplanung für die Folgetage erwies sich schwierig, denn das Ziel für den übernächsten Tag wäre die Charionhütte gewesen. Sie war an diesem Tag ausgebucht. So sollte es am 26.04. von Zermatt über den Col de Valpelline (3.562 m) und den Col de la Brulé (3.213 m) zur Selbstversorgerhütte Refuge de Bouquetin (ca. 2.900 m) gehen. Am 27.4. war dann eine Gewaltetappe über Col d’Eveque (3.392 m), Otemmagletscher, Sonadongletscher zum Col de Sonadon (3.504 m) und noch weiter zur Biwakschachtel Bivacco Musso (3.664 m) am Plateau de Couloir direkt unter der Grand Combin Südwand geplant. Diese kompromisslose Entscheidung sollte später den Erfolg der Tour gewährleisten, stellte sie doch allerhöchste Anforderungen und widersprach dem Rat der lokalen Bergführer. Als Absicherungsmaßnahme wurde für den 27.4. die Vignettehütte reserviert.

Nach einer geruhsamen Nacht und reichlichem Frühstück ließen wir uns von Rudi nach Zermatt bringen. Wir nutzten die erste Gondel Richtung Schwarzsee und querten in nordwestlicher Richtung oberhalb der Staffelalpe in das Mattertal bis auf 2.300m. Bei herrlichstem Wetter und grandioser Aussicht auf die Matterhorn-Nordwand, Dent d’Herent, Dent Blanche und Obergabelhorn stiegen wir in angenehmem Tempo in zunächst sehr flachem Gelände, ohne deutlich Höhe zu machen, Richtung Schönbielhütte und später in einem weiten Bogen nach Westen ausholend zum Col de Valpeline, welchen wir schweißdurchnässt in der Mittagswärme erreichten. Es folgte eine angenehme und kühlende Abfahrt nach Westen, wobei wir uns von der Matterhornkathedrale verabschiedeten. Der Aufstieg zum Col de la Brulé verlangte nochmals einige Reserven und die Abfahrt allerhöchste Konzentration. Das gut 40 Grad steile Gelände war arg zerfahren und bereits sulzig geworden. Also noch mal Kräfte sammeln und mit Sicherheitsabständen in den Steilhang, der dann aber auch schnell überwunden war. Nach weiterer ebener Abfahrt waren wir nach einem kurzen aber brütend warmem Gegenanstieg am urgemütlichen Refuge de Bouquetin angekommen. Der sehr zuvorkommende Wirt hatte schon Tee für uns gekocht und eine französische Gruppe hatte die Hütte bereits gut geheizt und fleißig Schnee geschmolzen. Die Gästehütte mit achteckigem Grundriss bot für etwa 16 Personen Platz. In der Mitte befand sich ein uriger Ofen mit Kochgelegenheit, um den die Liegefläche und zwei kleine Tische angeordnet waren. Nachdem genügend Schnee aufgekocht und ausreichend Flüssigkeit nachgetankt war, gab es Hühnerbrühe aus der Tüte und sogar ein Glas Rotwein vom Hüttenwirt. Dies verhalf uns wieder zu Kräften für den kommenden Großkampftag. Leider hielten es die französischen Bergkameraden mit der Frischluft nicht so genau. Wir wollten doch eher bei geöffnetem Fenster, nicht im kompletten Mief der Unterwäsche, Socken und Innenschuhe schlafen. Unsere Nachbarn sahen dies etwas anders … na ja, die „Gallier“ waren halt zuerst da und der Klügere gibt ja bekanntlich nach und so ging es zunächst bei Temperaturen einer finnischen Sauna nur in Unterhose und T-Shirt in den Hüttenschlafsack. Neben der anfänglichen Hitze sorgte auch ein gelegentliches Poltern von Eislawinen dafür, dass man nicht so schnell einschlafen konnte.

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Auch der Morgen des 27.4. begrüßte uns mit Traumwetter. Noch im Schein von Sternen und Stirnlampe ging es auf eine lange und zügige Hangquerung in genügendem Sicherheitsabstand zu den Wänden, die am Abend keine Ruhe gegeben hatten. Der Aufstieg zum Col d’Eveque begann dann auf etwa 2.750 m. In gut geneigtem Gelände erreichten wir den Pass auf 3.392 m zügig und ohne Mühen. Dort begegnete uns reichlich Gegenverkehr. In unsere Richtung ging heute erneut niemand. Vom Col d’Eveque ging es über eine lohnende, teils steile Abkürzung via Col Collon zum Otemmagletscher, was einige Abfahrtskilometer und Zeit einsparte. Dieser lange und ebene Gletscher war noch hart gefroren, so dass wir ohne Mühe in endlos langen Carvingschwüngen ins Tal hinunterschossen und dabei reichlich Spaß hatten. Am Gletscherabfluss, nach knapp 10 km auf absolut harter Unterlage, brach André beim Überqueren eines mit blankem Eis zugefrorenem Gletscherbaches plötzlich bis zur Hüfte in eiskaltes Wasser ein und verlor dabei beide Skier, die er aber Gott sei Dank schnell wiedergefunden hatte. Aus der misslichen Lage hatte er sich bald befreit. Nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn das Wasser tiefer oder die Strömung stärker gewesen wäre! Nach kurzer Lagebeurteilung wurde entschieden, erst einmal weiterzugehen, ohne die Charionhütte aufzusuchen und eine Mittagspause in der Sonne einzulegen. Hier zeigte sich das Leistungspotential von André, der nach einigem Auf und Ab im Aufstieg Richtung Sonadongletscher richtig Gas gab, um so eine längere Trockenpause auf einem aufgewärmten Stein vor einer weiteren kurzen Abfahrt zu nutzen. Es begegnete uns wiederum sehr viel Gegenverkehr, der von der Valsoreyhütte zur Charionhütte unterwegs war. Wir hatten bereits 1.300 Hm hinter uns und weitere ca. 1.300 Hm und ein langer „Hatscher“ sollten noch folgen!

Nach letzter Brotzeit ging es auf den elendig langen und in der Mittagshitze scheinbar glühenden Sonadongletscher. Der Wind ließ auch (noch) überhaupt nichts von sich merken. Im oberen Teil musste ich die allerletzten Reserven mobilisieren und kam nur unter allergrößter Mühe am Col de Sonadon (3.504 m) mit reichlich Verspätung an. Leider war aber die Biwakschachtel noch nicht erreicht. Es musste nochmals ein Stück abgefahren und durch einen Steilhang zum Plateau de Couloir und etwas weiter zum Mussobiwak aufgestiegen werden. Die kleine Biwakschachtel bietet auf engstem Raum bis zu 9 Personen Platz und liegt in genialer Lage auf 3.664 m auf einem steilen Felsvorsprung. Man hatte atemberaubende Tiefblicke in Richtung Valsoreyhütte und unseren weiteren Tourenverlauf. Weniger einladend sah die Grand Combin Südwand aus, da sich zunehmend starker Wind und schlechtere Sicht bemerkbar machten. Dies bestätigte uns auch ein Ehepaar, das vom Grand Combin erst gegen 19:30 Uhr ziemlich durchgefröstelt zurückgekehrt war. Aufgrund Platzmangels in unserer „Blechdose“ zogen die beiden es vor, trotz aufziehendem Sturm in ihrem Zelt zu übernachten. Das Kochen von Tee und Verpflegung brauchte auf dem Gaskocher auch so seine Zeit. Nach ziemlich kalter Nacht in Daunenjacken und „Pferdedecken“ folgte der erste bange Blick in Richtung Zelt der beiden Wiener, ob selbiges noch nicht samt Inhalt die Klippen heruntergeweht war… es war Gott sei Dank noch da und die beiden Insassen hatten in ihren Schlafsäcken sicher auch wärmer genächtigt als wir.

Der heutige geplante Gipfel hüllte sich in dichte Wolken und auch der Wind legte nochmals an Intensität zu, so dass vorerst nicht an eine Besteigung via Südwand gedacht werden konnte. Also wurde gefrühstückt, immer weiter Tee gekocht, da wir vom Vortag noch ziemlich dehydriert waren und abgewartet. Gegen 10 Uhr entschieden wir uns, nach Bourg St. Pierre abzufahren. Den im oberen Teil sehr steilen und vereisten Hang kamen wir ohne Probleme hinunter und passierten die Valsoreyhütte (3.030 m) etwas südlich und kamen bald in tiefen Sulz und Faulschnee. Aber damit noch nicht genug, musste auch noch eine kleine Schlucht durch einen Marsch quer durch einen Bach begangen werden. Glücklicherweise blieben hier alle trocken. Bourg St. Pierre (1.680 m) war dann nach kurzem Fußmarsch schnell erreicht und unser Lunch hat bei den Entbehrungen der letzten Tage gleich doppelt so gut geschmeckt. Mit dem Bus und weiter mit dem Taxi ging es nach Champex (1.477 m), wo wir eine gemütliche Unterkunft gefunden hatten. Am Abend ließen wir den Ruhetag bei Raclette gediegen ausklingen.

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Am 29.4. sind wir über den Arpette Gletscher und das bis knapp 60 Grad steile Fenêtre de la Chamoix (ca. 3.000 m) aufgestiegen und wollten eigentlich nur bis zur Trienthütte (3.170 m). Als wir über Handy den Wetterbericht abriefen, fiel der einstimmige Entschluss nicht schwer, wieder einmal voll anzugreifen, Gas zu geben und bis Argentière durchzustarten, denn das Wetter sollte mit vorausgesagtem Schneesturm für einige Tage richtig schlecht werden. Wir wollten nicht auf einer Hütte eingeschneit verharren müssen. So ging es bei erneut aufziehendem Sturm über einen flachen, aber erstaunlich spaltenreichen Gletscher zum Fenêtre de Saleina und nach kurzer aber steiler Abfahrt weiter zum Col de Chardonnet (3.321 m). Der letzte Anstieg verlangte noch einmal vollste Konzentration. Durch den letzten warmen Sommer hat sich der Hang derart verändert, dass nur noch eine bis ca. 60 Grad steile mit sehr marodem Fixseil gesicherte Eisrinne übrig geblieben ist. Also kamen nochmals Eispickel, Steigeisen und Seil zum Einsatz. Die lange Abfahrt, jetzt im schweren Sturm, nach Argentiere war, wie gewohnt, oben eisig und unten sulzig. Erschöpft aber glücklich kamen wir gegen 18:00 Uhr nach knapp 13-stündiger Tour in Argentiere an.

Zurück in Herbriggen bekamen wir rein zufällig ein Gespräch zwischen vier Schweizer Bergführern mit, die alle die Haute Route abbrechen mussten. Sie waren sich einig, dass wegen des Wetters die große Haute Route nicht möglich wäre. Umso erstaunter waren sie, als unsere Wirtin meinte, dass das Quatsch sei, wenn die vier Rheinländer das schon schaffen würden. Daher geht mein Dank besonders an unseren Tourenführer André, der in allen Situationen die Sache voll im Griff hatte und an Jörg und Christian, mit denen ein starkes Viererteam entstanden ist, das sich immer gegenseitig unterstützte und füreinander da war.

Text und Fotos: Jens Hennig